Verhinderungspflege – Ein Tatsachenbericht (Teil 1)

Seit 13 Jahren pflege ich meine demenzkranke Mutter (Pflegestufe III) . 10 Jahre davon rund um die Uhr bei mir zu Hause.
Über all die Jahre hatte ich nicht einen einzigen Tag Urlaub. Nur stundenweise konnte ich mich um Privates / Persönliches kümmern.

Vor kurzem wurde ich auf die tage- bzw. stundenweise Verhinderungspflege aufmerksam (Beitrag der Sendung WiSo im ZDF). Bislang kannte ich nur den Begriff der Kurzzeitpflege in einem Heim. Da sollte und wollte meine Mutter aber niemals hin. Das habe ich ihr fest versprochen.
Ich halte meinVersprechen. Schließlich war meine Mutter mehr als nur in den ersten 18 Jahren meines Lebens für mich da. In leichten und in schweren Tagen. Jetzt ist es umgekehrt. Ich zahle mein „Milchgeld“ zurück und habe mal gerade etwas mehr als die Hälfte geschafft.
Auch meine Mutter kannte damals 1950 bis 1970 rund um die Uhr weder Urlaub, Feiertag, Verhinderung (außer bei Erkrankung und Krankenhausaufenthalt).

Ich leiste also gar nichts Ungewöhnliches.
Eher etwas Alltägliches und offenbar schauen mich andere deshalb verwundert an – weil ich ein Mann bin.
Ich möchte damit allerdings nicht ausdrücken, dass ich inzwischen nicht auch den Wunsch nach Erholung, Ausspannen oder besser Abwechslung verspüre.

Die Verhinderungspflege ist eine Lösung. An bis zu 28 auch unabhängig von einander gewählten Tagen zahlt die Pflegekasse nach §39 des SGB XI ein steuerfreies Entgelt für die Verhinderungspflege. Aber nicht mehr als 1.510,00 EURO pro Kalenderjahr (im nächsten Jahr sind es wohl etwas mehr).

Immerhin, das hört sich doch toll an.

Sofort tauchte aber die auch früher schon öfter präsente Frage auf: „Wer könnte die Pflege für mich übernehmen? Wer verfügt über die fachliche Fähigkeit? Wer hat die Zeit? Wer würde eine ihm fremde demenzkranke und inkontinente ältere Person überhaupt anfassen und sogar pflegen, waschen, füttern, ihr die Zähne putzen wollen? Wer würde während meiner mehrstündigen Abwesenheit mehrmals vorbeikommen – womöglich mit Bus oder Bahn?“

Und wenn ich jemanden fände – immerhin gäbe es da die gewerblichen Pflegedienste – wen lasse ich während meiner Abwesenheit in mein Haus? Nicht nur in den Wohnbereich meiner Mutter – in mein gesamtes Haus?
Das sind Probleme!

Meine Verwandten und die mit mir verschwägerten Personen werden vom „Gesetzgeber“ zwar anerkannt, aber bei deren Hilfe unterstellt er, dass diese das ohne den Hintergedanken, sich dafür etwas bezahlen zu lassen, tun. Oder, dass der Gedanke nach angemessenem Entgelt bei ihnen nicht so ausgeprägt sein darf.

Was aber nicht so ganz der Realität entspricht. Wieso sollen meine Verwandten weniger erhalten als Fremde?
Wo bleibt da die Antidiskriminierung?
Trotzdem, ich bin dem Gesetzgeber nicht böse. Hat er doch weder Herz, Gefühl, Vater, Mutter noch Kinder. Mitleid kennt er auch nicht und wenn er uns etwas mitteilt, dann erst, wenn er es so kompliziert niedergeschrieben hat, dass selbst er sich seine Werke manchmal von Gerichten erklären lassen muss.
Das Orakel von Delphi ist unter uns.

Von der Seite erwarte ich also wenig Hilfe und auf gar keinen Fall etwas Einfaches.

Für verwandtschaftliche Hilfe könnte ich jedoch auch etwas erstattet erhalten, aber nicht mehr als das Pflegegeld hoch ist, welches der praxisunkundige Gesetzgeber in §37 des SGB XI festlegt.
Aber immerhin – besser als nichts und etwas würde es ja doch helfen.

Ein gewerblicher Pflegedienst mit mir vollkommen unbekannten, womöglich immer wechselndem Pflegepersonal kommt überhaupt nicht in Frage.

Unverzagt frage ich mich bei meinen Bekannten durch und zufällig finde ich eine junge Nachbarin, die sich zusammen mit ihrem Mann gerade ein Häuschen hat bauen lassen und dafür und für ihr Kind gern etwas hinzuverdienen würde. Und dann auch noch so ganz in der Nähe.
Das passt! Diese junge Frau ist nett, kompetent und ich habe Vertrauen zu ihr.
Ihr würde ich einen Schlüssel meines Hauses geben.

Die Frage nach dem Entgelt regele ich pragmatisch.
Ich weiß nicht was eine Pflegekraft verdient. Aber das ist mir eigentlich auch egal, denn ich brauche jemanden, der mir hilft. Ich kann und will hier keine Einstellungsgespräche auf der Basis eines Leiharbeitsverhältnisses führen.
Meine Nachbarin muss schließlich mit guter Laune und so gern wie möglich zu mir bzw. meiner Mutter kommen.

Das wäre schon super.

Wir einigen uns auf 40 Euro pro Tag.
Das ist ein Stundenlohn von etwa 9,50 EURO je Stunde.
Ich habe gehört, Raumpflegerinnen erhalten dies sogar als Mindestlohn, ohne dafür ihren demenzkranken und pflegebedürftigen Chef füttern und ihm die Windelhosen wechseln zu müssen.
Für einen Pflegedienst ist der Stundenlohn von 9,50 EURO wohl nicht zu hoch angesiedelt. Wer das dennoch denkt, der kann sich ja mal um eine solche Tätigkeit bemühen.

Ich verspreche meiner Nachbarin, dass ich die Pflegekasse frage, was ich für einen Stundenlohn zahlen kann – ob ich täglich auch 50 Euro auszahlen darf, wer die Steuern zu zahlen hat – es heißt ja, Leistungen der Pflegekasse sind steuerfrei und wie es mit einer Kranken- und Unfallversicherung aussieht –  für den Fall, dass sich die „Verhinderungspflegerin“ bei der Ausübung ihrer Tätigkeit verletzt.

Unser Gesetzgeber hat darüber ja wahrlich ganze Bücherregale voll geschrieben und schreibt jedes Jahr weiter. Also muss ich doch annehmen, dass es sich hierbei um ein ernstes und wichtiges Thema handelt. Würde er sich sonst so damit beschäftigen? Würde er sonst ganze Baustellen vom Hauptzollamt umstellen lassen, um Schwarzarbeiter zu ertappen? Hätte er sonst seine Erfüllungsgehilfen früh morgens zum Herrn Zumwinkel geschickt, um ihn aus dem Schlaf zu reißen und nach seinen Geldanlagen im Ausland zu befragen?
Dem oder besser unserem Gesetzgeber liegt also etwas an diesen Fragen und ich darf sie auf gar keinen Fall vernachlässigen oder unbeantwortet lassen, wenn ich nicht Besuch von den Vertretern des Gesetzes bekommen will oder diese Besuche meiner Nachbarin zumuten wollte. Lediglich meine kranke Mutter hätte vielleicht etwas Vergnügen an der Abwechselung, die diese Besuche in unser Haus brächten. Aber so weit geht meine Lust an der Rückzahlung des „Milchgeldes“ dann doch nicht.
Kurz und gut, die Fragestellung ist klar.
Wie setzen meine Nachbarin und ich das Vorhaben in die Tat um und stellen alles auf rechtlich gesicherte Füße?

Bislang war alles nur ein Vorspiel.
Jetzt geht die Sache richtig los.

Ich frage bei der Pflegekasse nach und erhalte die Bestätigung, dass die Leistungen der Pflegekasse steuerfrei sind, und dass der Gesetzgeber dafür sogar das Einkommensteuergesetz geändert habe. Sehr beruhigend.

Ich erhalte für meine Mutter sodann auch Antragsvordrucke.
1 x eine sogenannte Pflegerechnung, die meine Nachbarin über ihr erhaltenes Entgelt ausstellen  und direkt an die Pflegekasse senden soll.
Der vollständige Wortlaut:

Hiermit bestätige ich, Frau ______ in der Zeit von ____ bis ____ gepflegt zu haben.
Der Einsatz erfolgte an _____ Tagen zu jeweils ____ Stunden.
Für meine Bemühungen stelle ich der XY-Pflegekasse insgesamt ______ EURO in Rechnung und bitte um Überweisung auf das folgende Konto: (Bankdaten).
Ich habe  bereits in diesem Kalenderejahr einen anderen Pflegebedürftigen gepflegt:
[  ]  nein
[  ]  ja, on der Zeit vom ____ bis ____ .
Für Rückfragen bin ich tagsüber telefonisch zu erreichen unter _______ .

Zudem bekomme ich als Bevollmächtigter  meiner pflegebedürftigen Mutter einen Vordruck, über welchen der Pflegekasse mitgeteilt wird, dass die Verhinderungspflege i.S. des §39 SGB XI in Anspruch genommen werden soll.
Der vollständige Wortlaut:

______________
Datum/Unterschrift der Ersatzpflegekraft

Hier mit bestätige ich die vorstehenden Ausführungen

______________
Datum/ Unterschrift der/des Versicherten bzw. der/des Bevollmächtigten.

Ich werde seit (Datum)____ zu Hause gepflegt.
Die ,Pflegeperson wird ab (Datum)____ voraussichtlich bis (Datum)_____
[  ] vollständig (täglich acht Stunden und mehr)
[  ]  stundenweise (weniger als acht Stunden täglich)
wegen: _________  verhindert sein.
—————————————–
Für die Dauer der Verhinderung
[  ]  erfolgt die Unterbringung bei (Name und Anschrift der Einrichtung)____
[  ] wird die Pflege durchgeführt von (Name und Anschrift der Ersatzpflegekraft)
Sind Sie mit der Ersatzpflegekraft verwandt oder verschwägert?
[  ] nein  [  ] ja, (Verwandschafts- bzw. Schwägerschaftsgrad)
Dadurch entstehen pflegebedingte Aufwendungen in Höhe von kalendertäglich ____EURO
—————————————–
Für Rückfragen bin ich tagsüber telefonisch zu erreichen unter _____ .

______________
Datum/Unterschrift der/des Versicherten bzw. der/des Bevollmächtigten
Alles klar.
Meine Nachbarin, die Ersatzpflegerin schreibt der Pflegekasse  eine Rechnung.
Damit haben weder ich noch  sie konkret gerechnet und so richtig wissen wir nicht was da auf uns zukommt.
Macht sie jetzt etwa ein Gewerbe auf?
Muss sie am Jahresende doch alles dem Finanzamt offenbaren?
Was bleibt ihr von den 9,50 EURO wirklich?

Klar möchte sie das wissen. Wer kann es ihr vergelten?
Der eherne Satz: „Die Leistungen der Pflegekasse sind steuerfrei“ bekommt in Verbindung mit meinen Erfahrungen hinsichtlich der Verständlichkeit der Worte unseres Gesetzgebers erste Risse.

Da muss es doch einen Haken geben. Ich kenne doch meinen Gesetzgeber. Der kann doch gar nicht anders.

Oh …………………… ich muss mich mal wieder um meine Mutter kümmern.
Ich schreibe später weiter.

Euer Attila  aus dem Vogtland

2 Gedanken zu „Verhinderungspflege – Ein Tatsachenbericht (Teil 1)

  1. Mein Mann ist 2003 Auf ein Bau bei der Arbeit abgestürzt  ist seid dem ein Pflegefall ! Erst die 1 dann Pfegestufe 2 und jetzt 3 Aber bei der BG geht es ja nach Prozenten .Da hat er 98 Prozent es müsste überprüft werden den ich bin der meinung das es Voll ist den er ist Inkontins, Zunehmende Demenz Und zu allem hat es mit Pakinson angefangen vor eineinhalb Jahren .. Ich hatte neulich nach zwei Jahen entlich besuch von der BG hatte es auch angesprochen habe aber das gefühl naja rede mal !Dann habe ich Gefragt wegen Verhindrungpflege wollte mal arlein in Urlaub fahren bin zwar schon 68 Jahre aber ich glaube Urlaub steht mir auch zu.Da antwortete sie .Ja ich könnte fahren aber von der BG gib es nur den ausfall den der Jänige hat ( Beispiel Harz Vier oder Arbeit )Den ausfall bezahlt was der jänige hat wen der nicht Arbeitet (sprich kein ausfall hat ) Bekommt er nichts . Aber ich hatte mich informirt und das weis ich auch von Verwandten Bekandten die brauchen bei der Pflegekasse nicht mal an geben wohin sie fahren oder nachweisen ob sie Fahren jedenfalls Bekommen die Pflegeperson 1612 Euro auf Konto nach dem sich die Pflegeperson sich zurück meldet und der die Zeit Gepflegt bezahlten sie dann aus die es die Zeit über gemacht hat .Jetzt meine Frage wrum bekommen wir nicht das Geld ich hätte da jemand der es machen würde die er auch sehr gut Kennt den bei Fremden würde er nicht gehen die er nicht kennt oder in ein Heim er würde zu grunde gehen. Ich bekomme Von der BG Nur wen ich mit mein Mann fahre pro Tag 50 Euro aber nur 28 Tage . Warum bekomme ich nicht wen ich alleine Fahre das Geld für den der es machen würde  Mit freundlichen Grüßen Frau Keilhorn  

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