Vor einigen Jahren überquerte mein Onkel in Peine auf dem Weg zum Marktplatz eine Straße, brach wie vom Blitz betroffen zusammen und fiel schräg über den Bordstein. Er lag halb im Rinnstein, halb auf der Straße. Er konnte vor Schmerz nicht einmal mehr richtig atmen, geschweige denn sprechen.
Maurer! Unmittelbar nach dem Krieg sofort in den Beruf. Technische Hilfsmittel = Fehlanzeige. Körpereinsatz für den Wiederaufbau unserer BRD war Pflicht.
Was war geschehen? Schwerster Bandscheibenvorfall. Es folgten etliche OPs, Versteifung mehrerer Wirbel im Lenden- und Halsbereich, mehrere Rehas über Jahre hinweg.
Berufsunfähig (aber die Häuser, an denen er mit gearbeitet hat stehen noch heute).
Die allzu freundlichen Bürger, die sich wünschen, dass ihnen auf einem Bahnsteig geholfen würde, wenn sie in Not geraten, stiegen über ihn hinweg oder gingen um ihn herum.
Nicht wenige riefen ihm zu: „Steh auf, Du besoffenes Schwein!“
Über eine „gefühlte halbe Stunde“ lang lag er hilflos am Boden. Niemand fragte, niemand half.
Doch EINER kam, beugte sich herab und sprach ihn an.
Es war ein ausländischer Mitbürger, der sich in gebrochenem Deutsch nach ihm erkundige, in die Knie ging, um seine leise Stimme zu hören, einen der anderen Passanten anhielt und diesen nötigte per Funktelefon einen Rettungswagen anzufordern.
Ein anderer Fall. In Hannover kauft ein älterer, gut bekleideter Herr Lebensmittel ein. Ein Ausländer. Unter anderem eine Flasche guten Rotwein. Am Aegi (zentraler Platz in Hannover-Mitte) will er für seinen weiteren Weg die Stadtbahn nehmen. Vorher muss er die öffentliche Toilettenanlage benutzen.
Nachdem er diese verlässt, stolpert er auf dem Weg zum Untergeschoss, strauchelt, stürzt auf sein Gesicht, verliert die Besinnung. Die gerade erworbene Rotweinflasche zerbirst unter ihm. Da liegt er nun! Unter ihm läuft die eine rote Flüssigkeit hervor, die Schräge zum Untergeschoss hinab.
Stellen Sie sich dies einmal plastisch vor!
Wieder rennen zig Menschen vorbei oder machen angewidert einen Bogen. Sie haben ein Ziel vor Augen, sie müssen zum Job, die nächste Bahn erreichen, zu einer Verabredung in ein Café im Zentrum, Einkäufe erledigen.
Sich um jemanden zu kümmern, der in einer Alkohollache am Boden liegt und auch danach riecht, ihn vielleicht sogar anzufassen, das geht wirklich zu weit. Dafür lässt man doch keinen Termin fallen. Da kann sich doch „der Nächste“ drum kümmern, der hat ganz sicher mehr Zeit und ekelt sich nicht einen “Penner” zu berühren.
Hier sollen (nach meiner Erinnerung) Jugendliche Hilfe geholt haben. Also die aus der Generation, die heute gerade als üble Schläger verdächtigt werden.
Es half keiner von denen, die sich gerade zur gefährdeten Opfergeneration rechnen. Keiner von denen, die immer im Moment mit dem Nachbarn darüber diskutieren, ob sie unter dem Eindruck des aktuellen Geschehens zukünftig nicht doch lieber noch weniger helfen und währenddessen lautstark mehr Polizei, höhere Strafen und Videoüberwachung verlangen.
Dabei ist es vollkommen egal, ob sich es in Peine, Hannover, München, Erfurt, Magdeburg, Frankfurt/Oder, Berlin, Passau oder Freiburg abspielt.
Hannover ist überall und Peine sowieso.
Das waren 2 weniger spektakuläre Beispiele als die, die immer durch die Medien gehen. Sie sind aber auch aus dem echten Leben.
Das war eine Beschreibung des Alltäglichen. Keine Anklage!
Wieder einmal werden Talkshows aus dem Hut gezaubert und wahre “Fachleute” nutzen die Chance, sich zu äußern. 1 Betroffener wird als Alibi dazu eingeladen. Er hat 2 Minuten (max.), um sein Schicksal und sein heutiges Befinden ausführlich zu schildern.
Noch nie sah ich eine Talkshow, die nur aus wirklich Betroffenen zusammengesetzt war und wo ein “Fachmann” an einem Nebenplatz im Publikum saß. Vielleicht käme der ja dann auch gar nicht erst.
Wenn jemand in Not ist, ist Zivilcourage gefragt.
Wann ist jemand in Not?
Wann ist Zivilcourage erforderlich?

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