Sterbehilfe – Religion beherrscht deutsche Politik

Hermann Gröhe (CDU), neuer Bundesgesundheitsminister, will die „geschäftsmässige“ Hilfe zur Sterbehilfe verbieten. Mit „geschäftsmässig“ ist nicht nur die gewinnorientierte sondern auch die unentgeltliche Hilfe gemeint. Man muss dazu wissen, Gröhe ist Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands und Mitglied der Synode der EKG. Die Politik soll also wieder als Speerspitze der Verbotsideologie konservativer religiöser Eiferer dienen wie im finstersten Mittelalter. Das Leben ist, so meinen die kirchlichen Fanatiker in den politischen Parteien, von Gott geschenkt, der Mensch darf nicht selbstbestimmt darüber verfügen, er muss duldsam auf sein Ende warten egal, wie dreckig es ihm geht. Wären es nur die Anhänger der Religionen die sich daran halten, wäre nichts dagegen einzuwenden.  Aber die Religionen versuchen seit Jahrhunderten, auch den Nichtgläubigen ihre Auffassungen aufzuzwingen, hier und heute durch Gesetze, die von sich „christlich“ nennenden Parteien allen Bürgern aufdrängt werden.

Es steht zu befürchten, dass sich Hermann Gröhe (CDU) mit seinen Vorstellungen durchsetzen wird. Von keiner sich demokratisch nennenden Partei ist Widerstand zu erwarten. Der eigentlich zuständige Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) will zu dem Vorstoß von Herman Gröhe keine Stellung nehmen. Er meint, es handele sich um eine „Gewissenentscheidung“. Eine „Gewissensentscheidung“ die anderen ungläubigen Menschen eine religiös motivierte Entscheidung aufzwingt und dabei das in einer Demokratie eigentlich selbstverständliche menschliche Selbstbestimmungsrecht völlig ignoriert? Auch der frühere Fraktionvorsitzende der SPD, Franz Müntefering, unterstützt Hermann Gröhe.

Neben den religiösen Gründen gibt es übrigens auch finanziellen Gründe für das Verbot der Sterbehilfe.  Die Palliativmedizin, die von Kirchen und ihr nahestehenden Organisationen wie der „Stiftung Patientenschutz“ gefordert wird, ist ein ein Millionengeschäft.  Ein Pflegefall z. B., etwa ein Patient im Wachkoma, ist, brutal ausgedrückt, für eine Klinik oder ein Pflegeheim so gut wie bares Geld.  Schließlich zahlen die Krankenkassen regelmäßig bis zum Tode die nicht unerheblichen Pflegepauschalen. Die Klinik oder das Pflegeheim kann also mit sicheren, im voraus kalkulierbaren Einnahmen rechnen. Das Bestreben, sich durch Sterbehilfe um sichere Einnahmen zu bringen, wird also nicht allzu ausgeprägt sein.
Jeder Mensch muss einmal sterben. Jeder Mensch müsste deshalb wissen: Ohne barmherzige Sterbehilfe kann das Sterben ein scheinbar unendlich langer Prozess sein, gefesselt an eine unmenschliche Maschinerie, nicht mehr in der Lage, einen Willen zu äußern, über Jahre hinweg ausgeliefert an einen gefühllosen Apparat, der nur das Bestreben hat, ein längst nicht mehr lebenswertes Leben durch den Einsatz angeblich fortschrittlicher Technologie ohne jede Rücksicht auf die Menschenwürde formal so lange wie irgend möglich vom erlösenden Tod abzuhalten bis es Gott gefällt, es zu beenden. Der frühere israelische Ministerpräsident Ariel Scharon z. B. lag 8 Jahre lang im Koma, zwangsweise beatmet und ernährt.

Bemerkenswert ist, dass Deutschland in Europa mit seiner religiös bestimmten Ablehnung der Sterbehilfe immer mehr allein steht.  In zahlreichen Nachbarländern, am ausgeprägtesten in Holland, Belgien und der Schweiz,  ist die „aktive Sterbehilfe“ bei Einhaltung sehr strenger, genau kontrollierter Voraussetzungen zulässig.  Ein Mißbrauch, der auch in zahlreichen Argumentationsbeiträgen in Deutschland befürchtet wird, ist dadurch praktisch ausgeschlossen.  Das Verbot in Deutschland führt zu steigendem „Sterbetourismus“ in  demokratische Länder wie die Schweiz, ein absolut unwürdiger Zustand.  Dabei hat selbst ein kirchlich aktiver katholischer Christ wie Hans Küng berichtet, dass er bereits einem Schweizer Verein beigetreten ist, damit er dort bei zunehmend schwerer Erkrankung Hilfe, ein menschenwürdiges Ende geboten bekommt.  Das soll ihm nun durch die Initiative von Hermann Gröhe (CDU) mit stillschweigender Zustimmung der SPD verboten werden.

In Deutschland ist noch trotz aller Demokratisierungsversuche die Meinung vorherrschend, dass dem Bürger wo immer möglich Entscheidungen abgenommen und von einer hohen Obrigkeit vollzogen werden sollen.  Dieses Obrigkeitsdenken herrscht immer noch in den Köpfen zahlreicher deutscher Politiker und Abgeordneten.  Das Selbstbestimmungsrecht des Menschen, ein unabdingbarer Bestandteil der menschlichen Würde auch hinsichtlich seines Todes, wird einfach ignoriert.  Der deutsche Staat bevormundet seine Bürger noch auf dem Sterbebett.

Dabei wäre es doch so einfach:  Statt Verbote zu erlassen, sollte sich der Gesetzgeber ein Beispiel an den bewährten Regelungen für die aktive Sterbehilfe in demokratisch denkenden Ländern wie der Schweiz, den Niederlanden und Belgien nehmen.  Aber das wollen die Kirchen nicht und deshalb wird es nicht kommen.