Bahnsteig oder Abstieg? In vielen Fällen „Zumutung“.

userlogo ellaWenn ich morgens nicht oder nur unpünktlich an meinem Arbeitsplatz komme muss dies nicht an einem Streik der Bahnbedienstetenoder einem Glatteisunfall liegen oder daran, dass mein Wecker die Zeit „verschlafen“ hat.
Es könnte gut sein, dass der Bahnhof, von welchem aus ich umweltbewusst meine täglichen Fahrten beginne, schlichtweg über mir zusammengebrochen ist.
Ganz ohne Erdbeben oder Kometenbeschuss.

Sie fahren auch mit der Bahn und Sie meinen ich fantasiere?
Dann gehören Sie offenbar zu den Glücklichen, die auf einem herausgeputzten Großstadtbahnhof in Ihre schienengebundene Fahrgelegenheit einsteigen und auf einem ebensolchen erfrischt und putzmunter den gemütlichen Zug auch wieder verlassen.

Bei mir ist es anders. Leider!
Ich fahre von Kleinkleckersdorf im A-Bezirk ca. 30 lm nach Kleinkleckersdorf im B-Kreis. Und zurück.
Der Start beginnt auf einem wind- und regengepeitschten Kleinstadtbahnhof vom dem aus ich in beide Richtungen die Schienen bis zu dem Punkt am Horizont verfolgen kann, wo sie sich treffen.
Ich kenne dieses Bild aus meiner Jugend, als ich den Film mit Charles Bronson sah, der an einer derartigen Bahnstation ausstieg und die Erfüllungsgehilfen „umlegte“, die ihn in im Auftrag der Bahngesellschaft Empfang nehmen sollten.
Sie glauben gar nicht, wie oft ich schon gehofft habe, dass er noch mal mit der Bahn fährt und bei uns vorbei kommt. Ich würde sogar das Lied spielen, welches seinen Auftritt so unnachahmlich bekannt gemacht hat und ich würde unseren kleinkleckersdorfer Bahnhof sofort in „Sweatwater“ umtaufen.
Glauben Sie mir.
Aber bis dahin bleibt unser Behindertenfahrstuhl ein nur noch auf- und abfahrendes, übelst nach Urin riechendes Klo. Die Treppen sind unsauber und die Haltegeländer sind in einem so unappetitlichen Zustand, dass man lieber fällt, als sich daran  den Siff zu holen, wie mein Neffe zu sagen pflegt. Damit nicht genug, der Bahnsteig selbst macht einen wahrhaft trostlosen Eindruck und erinnert mich an düstere Steven King Filme oder an Nosferatu „eine Symphonie des Grauens“, in schwarz weiß.
Wartende Fahrgäste verstecken sich hinter mittig drapierten Metallsäulen aus Kaisers Zeiten und versuchen sich so vor beißendem Wind und waagerecht heranprasselndem Regen zu schützen.

Und an so einem schmucken Bahnhof komme ich auch an.
Zwischendurch hält der Regionalzug an mehreren Bahnhöfen, von denen keiner besseer ausschaut und mich zum Aussteigen bewegen könnte.
Alle sehen gleich trostlos verlodert aus und überall stehen die gleichen bibbernden Bahnkunden mit hochgeschlagenen Kragen und eingezogenen Köpfen und warten.
Alle schauen derweilen mit bewegungslosem Gesicht und leeren Augen stur in eine Richtung.
Ich warte übrigens auch immer so auf meinen Zug.
Ich fixiere einfach einen Punkt in weiter Ferne und den stiere ich unentwegt an. Was sollte ich mir sonst ansehen? Etwa den Bahnhof?
Selten, dass sich zwei Bahnkunden unterhalten.
Zu solchem Tun lädt ein Bahnhof nicht ein.
Früher, als ich ein Kind war und mit meinen Eltern noch ständig mit der von einer Dampflok gezogenen Bahn fuhr, da unterhielten sich die Fahrgäste. Da gab es an jedem Bahnhof, egal wie klein der war, einen Fahrkartenschalter und einen geschützten Warteraum. Der Fahrkartenschalterbeamte schloss kurz vor Eintreffen des Zuges seinen Fahrkartenschalter, öffnete von der Bahnsteigseite die Türen zum Bahnsteig und warte dort, bis der letzte Fahrgast sicher im Zug war. Er half sogar beim Einstauen des Gepäcks.
Da war die Bahn noch „richtiges Volksvermögen“ und gehörte uns ganz.
Deshalb war sie aber wohl auch nicht rentabel und fuhr „defizitär“. Aber fast immer pünktlich. Und das bei Wind und Wetter. Sauber war sie auch.

Mein Mann liest täglich etwas im  Manager-Magazin und lässt ihn überall herumliegen. Heute nahm ich ihn mir einmal vor. Den Manger. Und siehe da, das Männer-Magazin veröffentlicht einen Artikel von Sarah Sommer, dass die Bundesbahn für diese vernachlässigten Bahnhofe sage und schreibe 700 Millionen Euro einnimmt, aber keinen einzigen Pfifferling davon wieder herausrückt, um die Haltestellen, die dieses Geld erwirtschaften,  für uns Bahnkunden wenigstens einigermaßen menschenwürdig zu gestalten.
Ich finde dies ist ein ganz schäbiges Verhalten.
Eigentum verpflichtet. Das soll sogar im Grundgesetz stehen. Oder? Irgendwo, da ungefähr aber.

Der Artikel im MM trägt den Titel: „Landbahnhöfe und andere Zumutungen“ und er trifft den Nagel auf den Kopf und Frau Sommer beschreibt noch viel schlimmere Details als mir gerade einfallen.
Am besten Sie lesen das selbst.

Ich zumindest habe den Artikel ganz aufmerksam gelesen, mich von Absatz zu  Absatz immer mehr auf einen bahnsteig versetzt gefühlt und ich unterschreiben ausdrpcklich jede Zeile. Unter jede einzelne würde ich mein „Ella“ setzen. .
Ich muss nicht erst nach Soweto in die South Western Townships oder nach Downtown Chicago reisen, ich brauche mir nur unsere Bahnstationen anzusehen, um zu wissen, wie ein Slum aussieht.

Gehört die Bundesbahn, vielmehr zumindest die Aktienmehrheit an ihr, nicht auch noch dem Staat, also uns Bürgern?
Gehen unsere „politischen Vorturner“ mit unserem Geld dort ebenso grob fahrlässig um, wie seinerzeit die Banker der Landesbanken mit unseren Steuergeldern?

Ich habe diese Schlampereien noch nicht vergessen.
Und es dauert nicht mehr sehr lange, dann werde ich Facebookerin und rufe persönlich zum bundesweiten Protest gegen unsere Regierung auf.
Oder ich twittere gleich in den Bundestag auf den Schoß der dort allethalben sowieso nur noch herumtwitternden Abgeordneten, dass wir kommen. Dann können die Damen und Herren dort gleich schon mal die Sachen packen und sich verkrümeln.
Ich höre lieber auf mich zu ereifern.
Mich packt nämlich gerade einmal wieder der (un)heilige Volkszorn.
Und das ist auch nicht gut.
Ich werde meinem unvergesslichen Freund „Jim Knopf“ herbeirufen, mir mit ihm eine Stunde der Entspannung gönnen, einen grünen Tee schlürfen und mich gemeinsam mit ihm in die guten alten Zeiten auf den Weg nach Lummerland träumen.
Ja, ja, die guten alten Zeiten. Als die Wiesen noch grün, der Himmel noch blau, das Wasser noch kristallklar war. Als Schweine, Rinder und Hühner noch ein behagliches Leben auf dem Lande führen konnten und mit dem sie pflegenden und behütenden Bauern quasi unter einem Dach wie in einer WG lebten. Als Schäfer flötespielend durch satte Auen zogen und junge Hirten mit einem Strohhalm zwischen den Lippen Gänse hüteten.
Ja, ja, das waren Zeiten.
….
Wann war das noch einmal?

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