Ich liebe meine freie BRD

Vor einigen Jahren erhielten wir endlich durch den Euro die Freiheit des uneingeschränkten Zahlungsverkehrs in der EU.
Er wurde bald zum Teuro, aber wie uns immer wieder beteuert wird, ist das nur eine gefühlte Preiserhöhung, die mit der Realität in Europa nichts zu tun hat.

Dann wurde für uns das Ladenschlussgesetz für immer verabschiedet. Weil es so besser für uns Bürger ist und wir doch bis spät in den Abend hinein einkaufen und mehr von unserem Teuro ausgeben wollen. Auch wollten wir Verbraucher unbedingt mehr Arbeitsplätzte im Einzelhandel schaffen und somit Gutes tun.
Sagte man uns.
Inzwischen hat man uns beobachtet, unser Kaufverhalten ausgewertet und festgestellt, wir wollen rund um die Uhr einkaufen, wir wollen noch mehr Geld an der Ladenkasse abgeben und wir wollen noch mehr Arbeitsplätze im Einzelhandel schaffen.

Um uns den Teuro angenehmer zu machen erfand die Industrie den „technisch optimierten Kunden“ und brachte jeden Tag ein neues technisches Gerät heraus. Bestens nachvollziehen können  wir dies an der Wegwerfware Computer. Kein Otto-Normal-Kunde kann hier die technischen Leistungen und die dafür geforderten Preise noch miteinander vergleichen. Und kaum hat Otto ein Gerät gekauft, verlässt den Laden, wird hinter ihm ein Gerät der nächsten Generation ins Schaufenster bugsiert.
Er geht bereits mit dem Gerät der letzten Generation über den Parkplatz zum Auto und während er den Kofferraum öffnet hat sich der Wert seiner Errungenschaft bereits auf das Niveau eines Schnäppchens bei einer Onlineauktion reduziert.
Aber, so hört man aus der Industrie, der Kunde will das so, er verlangt nach technischer Innovation zu kleinen Preisen.

Dann reagierte der Einzelhandel ebenfalls auf unser Verlangen nach niedrigen Preisen.
In der Massentierzucht ist ja nichts mehr was man noch reduzieren könnte. Die Viecher werden geboren, selektiert, ohne Möglichkeit auf Bewegung fett oder verbraucherfreundlich mager bis durchwachsen gefüttert, geschlachtet, verwurstet und auf die Fleischtheke gewuchtet.
Da ist also nichts mehr zu machen.
Da entdeckte ein Pionier des Einzelhandels den Niedriglohn und kombinierte diesen mit Leiharbeit. Da Arbeitgeber im Einzelhandel sich grundsätzlich für die Gesundheit und das Wohlbefinden seiner Mitarbeiter verantwortlich fühlen, setzte der eine oder andere Kameras ein und sortierte nebenbei gleich noch die Spreu vom Weizen.
Ebenfalls im Interesse der Kundschaft, die im Preis ja auch die Gehälter und den Schwund durch Personal mit zu bezahlen habe.
Dieses Kontrollverfahren wiederum machte das verbleibende Personal arbeitgeber- und kundenfreundlicher und auch einsichtiger gegenüber weiteren, dringenden  Sparmaßnahmen im Interesse der Kundschaft.
Also ganz klar in unserem Interesse.

Doch damit nicht genug der Kundenvorteile.
Urplötzlich – und ohne, dass wir selbst es wussten – erkannte ein pfiffiger Händler, dass wir Kunden mit den Verpackungsgrößen nicht klar kamen. Die Zahl der zunehmenden Singlehaushalte brachte den verantwortungsbewussten Einzelhändler in echte Bedrängnis. Liebt ein aufrichtiger Einzelhändler doch seine Kunden und nicht nur seine Ware.
Die drängende und ungestüme europaweite Nachfrage aller Singlekunden nach anderen und insbesondere nach vollständig unheitlichen Verpackungsgrößen brachte schließlich das EU-Gesetz, welches die starren Größen aufhob und den Kunden von ungeliebten Zwängen befreite.
Jetzt kann Otto-Normal endlich die mengen einkaufen, die er will.
Welche Mengen er will, kann er, wenn er möchte, im Regal ablesen, denn die Lebensmittelindustrie weiß schon seit langem was Otto-Normal will. Sie wusste es bereits eher als Otto-Normal selbst. Sie wusste auch, dass der Kunde gar nicht an einem Preisvergleich interessiert ist. Denn so lehrte uns ja die Technikindustrie,  der Kunde ist bereit etwas zu riskieren und sich locker von seinem leicht verdienten Geld zu trennen.

Er zeigt es jeden Tag.
Und wenn die eine oder andere versteckte Preiserhöhung (bis zu 60%) dadurch an den Mann, die Frau gebracht werden kann, dann liegt dies in der Regel an einer verbesserten Rezeptur oder einer optimierten Zusammensetzung der Bestandteile. Man denke nur an die riesigen und nicht gesundheitsschädlichen Vorteile des Analogkäses oder des zusammengeklebten Schnitzels bzw. Schinkens. Fleisch ist Fleisch oder wie mein Stammwirt immer sagt: „ Schaum ist auch Bier!“

Ich bin stolz ein Deutscher zu sein.
Ich kaufe nur bei dem Einzelhändler von dem ich auch Liebe erfahre.
Ich vertraue kritiklos meiner Regierung, speziell dem Ministerium für Verbraucherschutz. Oder wie heißt das jetzt seit der Umbenennung? Ist der Verbraucher hier noch an erster Stelle?
Ich schaue sorglos in eine klimatisch wohlgeordnete Zukunft, mit lizenzierten Lebensmitteln, der Weltwirtschaft flexibel angepassten Löhnen und scharf kalkulierten Preisen.

Unterm Strich wird es vollkommen egal sein, ob wir mit Migranten klarkommen. Denn ich werde wahrscheinlich in Kirgisien nach den letzten Gasvorkommen suchen, mein Sohn in Feuerland Kamine bauen und meine Frau in Moskau russisch lernen, um sich zu integrieren.
Wir werden uns alle drei Monate zum Familientreffen  in einer rational und kundenoptimierten Freizeitanlage treffen, um den Kontakt zusammen mit einem vom Haus gestellten Paar-Therapeuten aufrechtzuerhalten.

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