09.11.2009 – 20 Jahre Mauerfall

logo f.Beitrag per MailDas Radio berichtete heute, dass wir im Osten das Land der Stehaufmännchen wären. Eine Studie über Land und Leute hätte dies bewiesen(?).
Mich hat niemand befragt.
Wir sind doch keine Stehaufmännchen.
Richtig ist: Wir sind vielfach und vielerorts schlichtweg einfach nur stehengeblieben und was wie eine Wiederauferstehung aussieht ist lediglich die Tatsache, dass wir einfach zäh bleiben und nach Mauerfall und Wende noch immer nicht umgefallen sind.

Wenn ich so an die die letzten 20 Jahre zurückdenke …….
Im Nachhinein betrachtet hat sich seitdem für meine Familie und mich (geboren 1949) nichts wirklich bemerkenswert positiv entwickelt.
Wir gehören sicherlich zu der bei solchen Ereignissen üblichen „verlorenen Generation“.
Plötzlich war der antiimperialistische Schutzwall wie weggeblasen und wir standen den westdeutschen Kapitalisten ahnungs- und wehrlos gegenüber.
Erst ging es wie im Freudentaumel mit uns ja scheinbar bergauf und man nahm Rücksicht auf uns ungebildete Ossis. Wir waren in den Augen des Westens eine neu entdeckte Spezies, die es auf Herz und Nieren hinsichtlich  ihres Gebrauchswert zu testen galt. Das wussten wir aber nicht.
Wer konnte auch ahnen, dass aus der Lupe des deutschen westlichen Bruders ein Brennglas werden würde.

Gleich zu Anfang Begrüßungsgeld (wo auf der Welt gab es denn so etwas – außer im Paradies? Waren wir angekommen?), dann Schillys Bananen, dann neue Autos (sogar richtig zum Anfassen, Reinsetzen und sofort Losfahren), dann die alles abwickelnde Treuhand (unbekannt und von uns anfangs als ungefährlich eingestuft), dann die Spekulanten und Plattmacher (mit ihren guten Anzügen, beeindruckenden Reden und göttlichen Versprechungen), dann (als der Kuchen an uns vorbei verteilt war und wir nicht einmal mehr Krümel fanden) herrschte plötzlich Ruhe und es gab ………. die Realität und ………. Arbeitslosigkeit, soweit das Auge reichte und ……….. Hoffnungslosigkeit wohin man schaute und ………… noch eine Grenzöffnung nach Osten zu früheren sozialistischen Bruderstaaten und ………….  noch weniger Arbeitsplätze (es hieß, wir hätten im Sozialismus das Arbeiten nicht gelernt) und ……….. geringes gesellschaftliches Ansehen (man brauchte nur zu sagen, dass man aus dem Osten käme) und …….. geringere Löhne (speziell für uns – auch und gerade im Westen) und ………….. geringere Renten und …….. keine Rücksichtnahme mehr auf unsere Geschichte, unser Trauma, auf zerrissene Dorfgemeinschaften, entfremdete Nachbarschaften, auf unsere geplatzen Träume und, und, und…..

Wir haben viel erreicht, als  wir im Osten endlich erkannten, dass wir ein Volk sind.  Aber wir haben zu spät bemerkt, dass man auf dem Weg in die Freiheit unsere Leithammel immer wieder geschickt austauschte und wir wieder einmal in eine von uns gänzlich ungeplante Richtung geführt wurden.
Wir waren einfältig zu sehr mit dem Glücksfall der Geschichte und uns beschäftigt.
Gerade wir hätten es besser wissen müssen.
Dass auf Einzelschicksale auch jetzt keine Rücksicht genommen wurde, haben wir viel zu spät erkannt.
Wir waren begeistert von Kohl, Gorbatschow, betäubt von dem Ruf „go west“ und geblendet von der Vision, nach 40 Jahren Kerker bei unseren Brüdern im Westen ein gemachtes Nest im Schlaraffenland vorzufinden.

Man gab uns neue Rechte, neue Autobahnen, endliche Telefone, grenzenloses Reisen (8 Tage Spanien im Reisebus – egal!  Butterfahrten und Busreisen zu versteckten, uns unbekannten Gasthöfen mit Verkaufsveranstaltungen – wir fanden alles super). Jeder konnte plötzlich sagen was er wollte und wie im Rausch taten dies auch alle; redeten, redeten, redeten und hörten dabei aber dem anderen nicht mehr richtig zu. Dann kamen die Lebensmittelläden mit einem unglaublichen Angebot (die ersten Boten der glückseligen sozialen Marktwirtschaft.  HO war null-komma-nichts vom Markt), Angebot und Preise wurden verwestlicht (egal die neue Marktwirtschaft war ja sozial und würde uns schon nicht übersehen), die Westmode hielt Einzug und damit ein gänzlich neuer Habitus des Scheins und Seins. Der erfolgreiche Geschäftsmann aus dem Osten war geboren (Beweis, dass die Verwestlichung  gut sei) und auch die Leitlinien wie man ein solcher wird.

Als erster Ost-Manager fiel uns dabei Herr Günther Krause (Verkehrsminister des gesamten Deutschlands) auf. Er lernte direkt an der Quelle. Seine Karriere war beachtlich, sein Hunger nach Ansehen verständlich, seine Maßlosigkeit war beängstigend und abschreckend.  Seine Ansprüche und Attribute prägten von da an im Westen das Ansehen meiner Ost-Generation.
Ganz plötzlich waren im Westen die „Otto Normals“ und wir im Osten waren plötzlich allesamt nur noch  die „Krauses“ mit ihren frechen, unverschämten, öffentlich angemahnten, selbst konstruierten Ansprüchen nach Ausgleich für 40 verlorene Jahre.
Dank Krause und Konsorten lief alles vollkommen in die falsche Richtung und das Missverständnis zweishen Ost und West entwickelte sich zu einem großen Unglück für uns!

Unsere volkseigenen Betriebe wurden begutachtet, als unrentabel eingestuft und geschlossen. 
Wir wurden nach Hause geschickt.  Niemand brauchte uns auszuzahlen, die Substanz der ehemaligen volkseigenen Betrieben (des Volksvermögens) war zu marode. Zumindest war das vorherrschende Westmeinung.
Aber uns war das zu jener Zeit noch nicht klar. Wir hatten ganz andere Vorstellungen von unserer neuen Freiheit und der Verwendung der Reste unseres volkseigenen Vermögens.
Egal wie hoch es sein würde. Wir erwarteten ja nicht unermesslich viel aus dem Vermögen zu erhalten. Aber wir hatten Träume. Wir dachten, es würde zu Geld gemacht und an uns ausgezahlt. So dumm waren wir. Was wußten wir, was Volksvermögen wäre. Heute wissen wir, es war das erste Sondervermögen, welches wir kennenlernten.

Ganz allgemein und republikweit betrachtet ist es heute für uns offensichtlich freier als „damals“. Nicht nur die Betriebe sind weg, die Stasi und die Albträume auch. Unter Kollegen und Nachbarn beobachten wir uns zwar immer noch mit Argusaugen:  „Hoffentlich geht es dem anderen nicht plötzlich auffällig besser als uns“. Wir bespitzeln uns aber nicht mehr.  Doch wir sind noch weit, weit weg von GLÜCKLICH.

Merkel als Kanzlerin war für uns eine kurze Flamme der Hoffnung, die aber ebenso unerfüllt wieder erlosch wie all die anderen davor. Inzwischen hatten wir uns daran aber schon gewöhnt, dass wir geträumt hatten.

Zwangsläufig wird es in der eingeschlagenen „Marschrichtung“ weitergehen, das ist bei jeder „Herde“ so, es wird sich auch etwas entwickeln, notfalls auch irgendetwas, aber es ist nicht das eingetreten was wir uns insgeheim persönlich, familiär, für unsere Gemeinden und für unsere Republik erhofft hatten.
 
Wir feiern wieder einmal den Mauerfall und wissen doch, dass der nur physisch stattgefunden hat. In unserem Innern ist der Mauerfall noch lange nicht beendet. Weder im Osten noch im Westen. Vielleicht wird er für meine Generation auch nie jemals ganz stattgefunden haben.

Schauen Sie einmal ehrlich in sich hinein.
Was sehen Sie?

Wenn ich aber meine Kinder anschaue bin ich voller Hoffnung und ich freue mich, dass sie auf die Frage, wer Margot Honecker sei, nur mit der Schulter zucken. Ich bin unendlich froh, dass sie diese Frau und ihren Ehemann nicht mehr kennenlernen mussten.
Dafür hat es sich dann doch gelohnt.

Ich sende Euch meinen Beitrag aus aktuellem Anlass per Mail.
Rolf  aus Gera

(Von der Redaktion ungekürzt veröffentlicht).

2 Gedanken zu „09.11.2009 – 20 Jahre Mauerfall

  1. Ob der 09.11.1989 wohl auch so stattgefunden hätte, wenn das Wetter so gewesen wäre wie es heute ist?

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